Bilsenkraut
CAVE: giftig
Lat. Bezeichnung: Hyoscyamus niger
Familie: Solanaceae, Nachtschattengewächse
Erntezeit: Juni - Oktober
Standort: Schuttflächen, Wege, Mauern, Ödland
Verwendete Teile: Folium (Blatt)
Beschreibung:
Zweijährige, 20 bis 80 cm hohe Pflanze mit kantigem, klebrigem, drüsig behaartem Stängel. Blätter wechselständig, länglich-eiförmig, buchtig bis gelappt, mattgrün, behaart. Untere Blätter gestielt, obere halb stängelumfassend.
Die glockig-trichterförmigen Blüten in den Blattachseln stehend, in fünfzipfeligen Kelch. Kronblätter schmutzig, weißlich-gelb, violett geädert. Trichterinneres violett.
Inhaltsstoffe: Alkaloide: Hyoscyamin, Scopolamin, Flavonoide, Gerbstoffe
Wirkung: stark giftig, in kleinen Mengen krampflösend, beruhigend und betäubend bei rheumatischen Schmerzen
Sammelzeit und Sammelgut:
da die Pflanze auf der Roten Liste steht, darf sie nicht in der Natur gesammelt werden.
Das Bilsenkraut soll schon bei den Babyloniern, im alten Ägypten und im alten Persien für seine Wirkung bekannt gewesen sein. Im Altertum wurde die Pflanze als Pfeilgift verwendet, zahlreiche Giftmorde durch sie verübt und Wahrsager versetzten sich mit ihr in Trance. Dioscurides empfiehlt das Bilsenkraut vorwiegend als Schmerzmittel und auch Plinius weiß über seine Wirkung zu berichten
Im Mittelalter spielte die Pflanze aber nicht nur als Schmerzmittel eine Rolle, in den Operationssälen der damaligen Zeit wurde sie als Narkosemittel verwendet. Hieronymus Bock weiß unter anderem zu berichten, dass Bilsenkraut zum Fischfang diente: ''Also das sie (die Fische) daruon doll werden / springen auff und keren zuletzt das weiß obersich / das sie mit den Händen inn solcher dollheit gefangen werden.'' Und das sich das Fahrende Volk damals des Bilsenkrautes zum Fangen von Hühner bediente: ''Die Hüner auff den balcken fallen heraber / wann sie den rauch von Bülsen gewar werden. Solche künstlein treiben die Zigeiner und ihre gesellschafft.''
Matthiolus schreibt, er habe Bauernkinder gesehen, die sich nach dem Verzehr von Bilsenkrautsamen derart unsinnig benommen hätten, dass die Eltern dachten, ihre Kinder wären vom bösen Geist befallen.
Auch dem Bier wurde das Bilsenkraut zugesetzt, um seine berauschende Wirkung zu verstärken. Eine Polizeiordnung aus Eichstätt in Mittelfranken verfügt, dass es den Brauern bei einer Strafe von 5 Gulden verboten ist Samen, Asche oder Kraut ins Bier zu mischen. Wohingegen das Pilsner Bier vermutlich einem Geheimrezept mit Bilsenkraut seinen Namen verdankt.
Gewiss löst Bilsenkraut Halluzinationen aus und das Gefühl des Verwandelns in Tiere und das Fliegen sind typische Symptome einer Bilsenkrautvergiftung, doch für die Verwendung in der ''Hexensalbe'' und für das Fliegen sind das keine befriedigenden Erklärungen. Denn das Problem liegt darin, dass wir die Bedeutung der Hexen gerne - nach kirchlicher Leseart - dem Aberglauben zuordnen. Alles, was seit dem 9. Jahrhundert über Hexen überliefert ist, ist die Beurteilung der Kirchen. Und die standen im Kampf gegen die Hexen, die Repräsentanten der germanischen ''Heilkunde'' waren. Einer Heilkunde, die sehr weit fortgeschritten war, wie wir beispielsweise an den Kenntnissen der transdermalen (Aufnahme über die Haut) Applikation - von der unsere moderne Medizin recht wenig Ahnung hat - erkennen können.
Insofern ist die Schlussfolgerung falsch, die Hexen hätten sich in Rauschzustände versetzt, um Ihrem Aberglauben zu frönen. Das hätte keinen Sinn ergeben, denn die Mär vom Fliegen kam ja nicht von den Hexen sondern von den Hexen bekämpfen. Wie auch die Beschreibung der Hexenkulte, die sexuellen Ausschweifungen und die Bedrohung von Vieh und Mensch.
Gerade die Geschichten den Fliegens und des Besens sind aber ein Beispiel dafür, mit welchen vereinfachenden Schlagworten theologische und politische Auseinandersetzungen damals geführt wurden und wie unkritisch dies auch heute noch fortgesetzt wird. Wenn es heute einfache Erklärungen für die Inquisition etwa in der Form gibt, dass dies eben die (harte aber gerechte) Strafe für rauschgiftsüchtige und unmoralische Frauen war und die phantastischen Schilderungen vom Fliegen und von Hexenritten als halluzinationsabgängig erklärt werden, dann übersieht man dabei geflissentlich, dass beispielsweise das Fliegen von Engeln als etwas völlig Normales angesehen wurde und wird. Niemand würde auf die Idee kommen, dies einer Halluzination oder einem Aberglauben zuzurechnen.
Um die Hexen theologisch bekämpfen zu können, mussten sie in eine mystische Ecke gebracht werden. Dazu war das Fliegenkönnen eine eingängige Erklärung. Die Menschlichkeit konnte außen vor bleiben, weil es eben keine Menschen sondern böse Kreaturen waren.
Auch der ''Besen'' hatte eine ganz andere Bedeutung, als wir in den Geschichtsbüchern lesen können. Er war weder Phallussymbol noch diente er zur Reinigung, wie man sich das von putzwütigen (unbefriedigten) Frauen in kirchlicher Denkungsart vorzustellen bereit war. In der germanischen Mythologie spielt die Erdverbundenheit und insbesondere die Baumwurzel eine besondere Rolle und in diesen Wurzelsymbolen sahen die christlichen Missionare ganz profane Besenfunktionen. Dass diese Wurzeln von Bäumen, Sträuchern und Pflanzen in der Heilkunde der Hexen eine ganz besondere Rolle spielten, sei nur am Rande erwähnt. Das meiste Wissen darüber ist leider verloren gegangen, doch Reste sind noch erhalten. Beispielsweise in der Heilkraft der Zwiebel oder des Rettich oder in der fernöstlichen Medizin beim Ginseng.
Diese Erdverbundenheit der Hexen stand auch wieder im krassen Gegensatz zu den Licht- und Erleuchtungsphilosophien der herrschenden Theologie. Und die kirchliche Symbolik der Erde für Fruchtbarkeit und üppiges Leben, aber auch für Vermodern und den unerlösten Tod stand in krassem Gegensatz zu den moralischen Zielvorstellungen von Reinheit, Licht und Aufsteigen zum Himmel. Und natürlich vor allem im Gegensatz zum Frauenbild.
Hier auf kirchlicher Seite Frauen wie Maria, Maria Magdalena und die späteren Heiligen. Mütterlich, duldend, leidend, hingebungsvoll, anmutig, jugendlich. Und auf der anderen Seite die mächtige, weise, unattraktive Alte, die nicht nach Liebe bettelt, sondern Sex pur genießt und sich dabei weder dem Mann hingeben noch Kinder schenken will. Das Gegenstück zum Engel.
Die Hexe heilt nicht aus Barmherzigkeit und belohnt nicht die Guten. Sie salbt die Männer, damit sie im Rauschzustand und schmerzunempfindlich in den Krieg ziehen. Und sie weiß, dass sie sie in den Tod schickt. Sie schleicht im Mondlicht durch die Sümpfe und fängt Kröten und Frösche, sammelt Pflanzen und besudelt sich im brackigen Wasser und trifft sich mit den Seelen der Toten am Hal, dem germanischen Totenhügel. Sie ist Mittlerin zwischen den Lebenden und den Toten...
Für die moderne Medizin scheinen die Hexenrezepte in der Tat unter der Rubrik Aberglauben - oder auch Quacksalberei (Salben von Fröschen) - eingeordnet. Langsam kommt man aber dahinter, dass nicht alles so ist, wie es scheint und die ''Quacksalberei nach Hexenart'' doch Ansatzpunkte beinhaltet, über die es sich nachzudenken lohnt. Beispielsweise in der Einordnung der Schadstoffe. Allzu leichtfertig behaupten wir beispielsweise, dass die Hexensalbe Halluzinationen ausgelöst hat. Tut sie das wirklich? Ist nicht die Anwendung als Salbe, die auf die Haut aufgetragen wird, eher dazu geeignet, ein Phänomen auszulösen, das mit der Homöopathie vergleichbar ist? In der Homöopathie wird Bilsenkraut als Konstitutionsmittel bei hochgradigen Erregungszuständen mit Halluzination, Hysterie, Manie und Lähmung der Schließmuskeln (Darm, Blase) sowie gegen ''Kitzelhusten'', Krämpfe, Delirien, Schlaflosigkeit und Durchfall eingesetzt. Zur Herstellung der Urtinktur wird die ganze Pflanze im blühenden Zustand verwendet. Bis zu D 3 ist Bilsenkraut verschreibungspflichtig.
Es lohnt sich darüber nachzudenken. Vielleicht kommt mal der Tag, wo wir mit brackigem Wasser und Krötenschleim viele Krankheiten heilen können, die heute unheilbar sind. Und vielleicht wird der eine oder andere Heilpraktiker in Zukunft tatsächlich wieder zum Quacksalber und schleicht in hellen Mondnächten fröschefangend durch die Sümpfe. Und vielleicht trifft er auch dort eine Hexe mit ihrem Besen und kann die dann fragen, ob dieser als Phallussymbol dient und wie man damit fliegt. Wobei die Hexe vermutlich darauf hinweisen wird, dass es heutzutage bequemere Transportmittel und immer schon geeignetere Stimulationsmittel gibt als primitive Besen...
Rezepte
Frisches Bilsenkraut in einer Pfanne mit Kokosöl übergießen, eine Stunde ziehen lassen, dann erhitzen und kurz aufsieden. Abkühlen lassen, das Öl abgießen und auch das Bilsenkraut ausdrücken. Dieses Öl ist nicht nur sinnlich und anregend, es löst auch Verspannungen. Kann mit ätherischen Ölen je nach gewünschter Duftnote aromatisiert werden.
Bilsenkrautöl II
Die frischen Blätter des Krautes werden mit kalt gepresstem Öl übergossen und 8 Wochen verschlossen stehen gelassen. Danach abfiltern und in dunkle Flaschen abfüllen. Da Öl wirkt schmerzlindernd und wird äußerlich zu Einreibungen bei rheumatischen Beschwerden verwendet. Bei der Dosierung vorsichtig sein und für Kinder unerreichbar aufbewahren.
Und hier noch zwei Rezepte, zum Räuchern:
Räucherung im Verborgenes zu belassen (nach Porphyrius)
Man nehme gleiche Teile von:
Koriander, Safran, Bilsenkraut, Selleriesamen, Mohn
Und zerreibe sie zusammen. Die Mischung wird abschließend mit dem Saft des Schierlings angefeuchtet und gebunden. Mit dem getrockneten Gemisch beräuchtert man die Stelle während einer Konjunktion von Sonne und Mond am untersten Teil des Himmels. DAs Verborgene wird darufhin ewig von Dämonen bewacht. Schatzräuber werden dieses Mittel vom Wahnsinn befallen.
Weihrauch, um niedere Teufel herbeizurufen (16. Jh)
Man nehme je einen Teil
Petersilienwurzel
Koriander
Nachtschatten (Tollkirsche oder Schwarzer Nachtschatten)
Schierling
Opium (Latex von Papaver somniferum)
Sandelholz
Bilsenkraut
Man vermische alles und gebe es in die Räucherpfanne. Der inhalierte Rauch kann starke Halluzinationen hervorrufen.